Webfonts müssen nicht teuer sein. Aber auch nicht gratis.

Je nach Anbieter und Schrift können Lizenzkosten stark variieren. Dieser Beitrag zeigt die wichtigsten Faktoren auf, die bei der Wahl eines Webfonts zu berücksichtigen sind.

Roland Unterweger  

Es gibt unterschiedliche Strategien und persönliche Vorlieben, wie man die visuelle Gestaltung einer Website angehen kann. Bei mir kommt als Erstes die Typografie. Die Wahl der Schrift trägt wesentlich zum Charakter der Website bei und legt das Fundament für weitere Design­entscheidungen.

Ist die Schrift nicht bereits durchs Corporate Design vorgegeben, nähere ich mich schrittweise, indem ich unterschiedliche Schriftarten in digitalen Skizzen aus­probiere. In diesem Design­prozess zählen nicht nur gestalterische Aspekte. Was Kunden oft nicht bewusst ist: Schriften sind kreative Werke und unterliegen Lizenz­bedingungen, die im End User License Agreement (EULA) festgehalten sind.

Ein Webfont muss nicht nur zum Charakter der Website passen, sondern auch ins Budget. In der Regel handelt es sich um kleine Beträge im tiefen dreistelligen Bereich. Während bei Stock-Footage-Medien akzeptiert ist, dass Lizenzkosten anfallen können, hat sich bei Schriften dieses Bewusstsein noch nicht im gleichen Masse etabliert. In Design-Präsentationen gehe ich deshalb explizit auf die Webschriften ein, erläutere meinen Vorschlag und versuche Lösungen zu finden, die auch finanziell für alle Beteiligten stimmen.

Unterschiedliche Lizenzen für Desktop und Web

Schriften für Computer und Web unterscheiden sich im technischen Format und müssen meist auch separat lizenziert werden. Für ein Webdesign brauchen wir beides: Desktopfonts für den Designprototypen und Webfonts für den Online-Einsatz. Beim Entwurf können wir manchmal auf kosten­lose Trialfonts oder Agentur-Abos zurückgreifen. Ansonsten sind folgende Kriterien kostenrelevant:

  • Desktop: Anzahl der Computer, auf denen der Font installiert wird.
  • Web: Anzahl der Seitenaufrufe oder User pro Monat (Pageviews, Unique Visitors).
  • Anzahl Mitarbeitende: Bei einigen Anbietern sind die Kosten abhängig von der Firmengrösse, um auch kleinen Unternehmen faire Preise bieten zu können.

Die Lizenzkosten beziehen sich jeweils auf einen sogenannten «Schriftschnitt». Viele Schriften werden in unterschiedlichen Dicken und Breiten oder kursiv angeboten; jede dieser Varianten ist ein Schriftschnitt. Sind beispielsweise Regular, Italic und Bold im Einsatz, erfordert dies Lizenzen für drei Schriftschnitte.

Variable Fonts

In der modernsten Schrifttechnologie, den Variable Fonts, werden Schriftschnitte dynamisch in einem File kombiniert, sodass sich z. B. die Dicke stufenlos steuern lässt von Light bis Black. Dieses Format ist besonders flexibel, aber verständ­licher­weise teuer, da es sämtliche Schriftschnitte umfasst, die man sonst einzeln lizenzieren müsste.

Unsere Agenturschrift: Drei Schriftschnitte von «Nouvelle Grotesk» der Zürcher Type Foundry Nouvelle Noire

Lizenzmodelle für Webfonts

Es gibt unterschiedliche Lizenzmodelle, wie Webfonts abgerechnet werden. Die Angebote können sich auch technisch unterscheiden. Bei einigen Anbietern wird beim Aufruf der Website eine Ver­bindung zu deren Server hergestellt, um die Webfonts von dort zu laden. In vielen Fällen ist self-hosted möglich: Der Webfont wird auf dem eigenen Server installiert, auf dem auch die Website läuft.

Beim Kauf – faktisch werden die Fonts gemietet – sind folgende Abrechnungs­modelle üblich:

  • Pay-once: Mit einer einmaligen Zahlung darf man die Webfonts beliebig lang im Rahmen der erworbenen Lizenz nutzen, z. B. für monatlich bis zu 10'000 Page­views. Erhöht sich der Traffic dauerhaft, ist ein Upgrade möglich.
  • Annual: Die Lizenz für eine bestimmte Anzahl an Pageviews pro Monat gilt für ein Jahr und muss  immer wieder erneuert werden, um die Schrift weiter nutzen zu können.
  • Pay-as-you-go: Hier erwirbt man eine Anzahl Pageviews. Wenn diese auf­gebraucht sind, muss die Lizenz erneuert werden. Die Pageviews werden mit einem Script des Anbieters gemessen.
  • Pay-what-you-want: Eine originelle, wenn auch seltene Spielart der Lizenzierung. Bestimme selbst, was dir die Schrift wert ist bzw. was du zahlen kannst.

Die spanische Type Foundry atipo bietet coole Schriften zu Preisen, die für alle erschwinglich sind.

Und was ist mit Free Fonts?

Grundsätzlich ist nichts gegen Free Fonts einzuwenden, auch wir setzen sie manchmal ein. Es gibt hochwertige Schriften, die aus unter­schiedlichen Motiven gratis zur Verfügung stehen. Die verbreitete Einstellung, dass Schrift nichts kosten darf, teile ich aber entschieden nicht. 

Bei Gratisschriften muss sorgfältig geprüft werden, ob sie professionellen Ansprüchen genügen. Dazu gehören ein ausreichender Umfang an Schrift­schnitten, sauberes Kerning, internationales Zeichenset und gewisse Font-Features, insbesondere für Ziffern.

Open Font License

Weiter ist es wichtig, sich zu vergewissern, dass ein Free Font tatsächlich free ist und unter welchen Voraus­setzungen. Nebst illegalen Uploads gibt es Schriften, die für private Projekte verwendet werden dürfen, bei kommer­zieller Nutzung aber kostenpflichtig werden. Oder nur ein spezifischer Schrift­schnitt ist freigegeben. 

Das Portal von Google Fonts ist relativ sicher, haftet aber explizit nicht für Lizenzverstösse. Bei Google zeigt sich das Phänomen von overused Fonts besonders deutlich: Schriften, die man gefühlt auf jeder dritten Website sieht, verlieren irgendwann ihren Reiz – egal wie gut sie gemacht sind.

Ein professioneller Free Font mit breiten Anwendungsmöglichkeiten: Figtree von Erik Kennedy.

Sind nicht Abos wie Adobe Fonts eine gute Alternative?

Als Kompromiss zwischen kommerzieller Einzellizenz und Free Font ist es verlockend, für Webfonts Dienste wie Adobe Fonts zu nutzen, besonders wenn es bereits Bestandteil eines bestehenden Software-Abos ist. Das schafft jedoch Abhängigkeiten, die in der Praxis unangenehm werden können, wie wir mehrfach erfahren mussten. Lizenz­bedingungen können sich unangekündigt ändern oder im Kleingedruckten verstecken. Oder gewisse Schriften sind plötzlich nicht mehr verfügbar, weil der Vertrag mit dem Hersteller aufgelöst wurde.

Der Markt ist dynamisch, auch bei den Schriften. Gerade in den letzten Jahren sind viele traditionelle Schriftanbieter durch Übernahme verschwunden und beliebte Dienste wurden ersatzlos eingestellt. Pay-Once mit Self-Hosting ist und bleibt die sicherste Lösung.

Fazit: So wählen wir Webfonts aus

Schrift ist im Webdesign ein elementares Gestaltungs­mittel, das nebst den ästhetischen Kriterien zum Budget des Projektes passen muss. Um Eignung und Kosten eines Webfonts einzuschätzen, orientieren wir uns an folgenden Fragen:

  • Welche Schriftschnitte werden auf der Website benötigt?
  • Mit wie vielen monatlichen Pageviews ist zu rechnen?
  • Welchem Lizenzmodell unterliegt die Schrift? Bevorzugt: Pay-once.
  • Wie wird die Schrift technisch eingebunden? Bevorzugt: Self-hosted.

Die teuersten Lösungen entstehen dann, wenn uns die Typografie durch ein Corporate Design vorgegeben ist. Besonders bei Klassikern wie Helvetica & Co. können relevante und jährlich wiederkehrende Kosten anfallen. 

Sind wir frei in der Schriftwahl, haben wir bis jetzt auch für kleinere Projekte stets attraktive und zahlbare Lösungen gefunden. Ich arbeite am liebsten mit Schriften, die wir direkt bei Einzelpersonen oder kleinen unabhängigen Foundrys lizenzieren können. Die Konditionen sind fair und transparent. Fast immer ist es eine ein­malige Zahlung mit über­schaubaren Lizenzbedingungen, die sich nicht nachträglich ändern können. Und abseits ausgetretener Schriftpfade gibt es viele spannende, liebevoll gestaltete Schriften zu entdecken!